Christoph Püchel

Distortion

Boss DS-1 Distortion

Boss Distortion DS-1

"Seit 1978 unverändert gebaut", so beschreibt Boss dieses Pedal. Das stimmt aber nicht ganz, denn im Laufe der Jahre wurden drei verschiedene ICs benutzt und mindestens einmal der Schaltkreis leicht modifiziert. Beim DS-1 gibt es zwar nicht so einen Hype um den "richtigen" Chip wie beim Tubescreamer, aber man sagt, dass die erste Version die beste sei - natürlich! Es ist ja auch die seltenere ;) Und da damals munter untereinander abgekupfert wurde, ist der DS-1 eine waschechte Weiterentwicklung des Ibanez Overdrive II, der eine Weiterentwicklung des MXR Distortion+ ist, der eine Weiterentwicklung...usw.

Im direkten Vergleich klingen die aktuellen DS-1 ein wenig sahniger und nicht so rau. Mir dagegen gefällt das etwas ruppigere und dadurch auch vintage-orientierte Klangbild der älteren DS-1 allerdings tatsächlich besser. Er reagiert sehr schön auf verschiedene Anschlagsstärken und auf die Stellung des Volume-Potis an der Gitarre und eignet sich gut für Rhythmus-Riffs. Die aktuellen DS-1 sind meiner Meinung nach dagegen besser für singende satte Solo-Sounds geeignet, wie sie heute aktuell sind. Es sind natürlich nur Nuancen und es ist wieder einmal einfach nur Geschmackssache. Allen Ausführungen gemein ist jedoch die etwas merkwürdig abgestimmte Tonreglung, die für meinen Geschmack viel zu sägend und höhenlastig und mit einem zu großen Loch in der Mittenwiedergabe ausgefallen ist. Das ist aber nichts, was man nicht in den Griff kriegt. Der DS-1 ist sowieso eine ähnlich gute Plattform für Soundexperimente und Modifikationen, wie der SD-1 von Boss.

Boss HM-2 Heavy Metal

Boss Heavy Metal HM-2

Nach den Modellen OD-1, DS-1 und SD-1 ist dies der vierte Verzerrer, den Boss herausbrachte. Hier wurde versucht, das typische Zerrverhalten und Klangbild eines Marshall Stacks mit einem Kompaktpedal zu erzeugen. Und ich finde, dass der HM-2 seinen Job ganz gut macht – wenn man auf die typischen 80er Jahre Marshall-Sounds steht! Da dies offensichtlich nicht mit einer einfachen Tonblende zu realisieren war, hat der HM-2 eine aktive Zweiband-Klangreglung. Der Bassregler arbeitet in etwa so, wie man es erwartet, senkt also die Basswiedergabe ab bzw. hebt sie an. Der Höhenregler hat jedoch auch einen erheblichen Einfluss auf den Mittenbereich. Er arbeitet mehr wie der Frequenzregler bei einem parametrischen EQ und verändert bzw. verbiegt über seinen gesamten Regelweg das Klangbild sehr stark. Das kommt daher, weil er in zwei verschiedenen Frequenzbereichen arbeitet. Wird der eine Bereich geboostet, so findet in dem anderen eine Absenkung statt und umgekehrt. Vom Namen dieses Verzerrers sollte man sich übrigens nicht abschrecken lassen, denn durch diese effektive Klangreglung können sehr verschiedene Sounds realisiert werden. Die Palette reicht vom fetten Blues-Rock bis hin zu scooped Heavy Metal Sounds. Allerdings ist die Zerrintensität nicht sehr fein dosierbar. Eigentlich gibt der HM-2 immer Vollgas, was nicht überall passend ist.

Ibanez Overdrive II

Ibanez Overdrive II

Der Overdrive II war, wie der Name schon sagt, der zweite Overdrive, den Ibanez auf den Markt brachte, und zwar noch vor dem allseits bekannt Tubescreamer. Allerdings ist er nach heutigen Definitionen technisch ein Distortion. Die erste Hälfte ist praktisch identisch mit dem MXR Distortion+. Aber Ibanez hat nach der Clippingstufe noch eine Tonregelung hinzugefügt und das macht den Overdrive II um einiges brauchbarer, als den Distortion+. Ähnlich ging Ibanez übrigens auch beim Tubescreamer vor, der mehr oder weniger eine Kopie des OD-1 von Boss mit hinzugefügter Tonregelung ist. Man könnte also sagen, dass Ibanez uns die Tonblende in Verzerrern beschert hat ;)
Ich bekam ein Original (das abgebildete Gerät) aus der ersten Serie zur Reparatur und nutzte die Gelegenheit, mir eine Kopie zu bauen, was aufgrund der einfachen Bauweise auch sehr gut gelungen ist.

Der Overdrive II hat einen sehr neutralen und offenen Sound und reagiert so extrem dynamisch auf die Anschlagsstärke und Spielweise, dass man sich erst einmal daran gewöhnen muss. Wenn man die komprimierenden und mittigen Sounds à la Tubescreamer gewohnt ist, glaubt man zunächst nicht, dass man den Overdrive II überhaupt benutzen kann. Es erforderte schon ein wenig Übung, bis man den richtigen Zugang zu ihm findet! Sicher kein Allroundverzerrer, aber eine weitere Alternative zum eigenen Sound - denn Tubescreamer spielt ja jeder...

Ibanez Sonic Distortion SD-9

Ibanez Sonic Distortion

Vom Sonic Distortion hört man ja auch immer wieder, dass er ein wahres Wundergerät sei. Auch hier muss man erstmal lernen, mit den Eigentschaften der Verzerrung zu spielen, ähnlich wie beim Overdrive II. Der SD-9 hat einen sehr klangneutralen Grundsound und färbt in der Mittelstellung des Tonpotis deutlich weniger als andere Geräte. Durch seinen weiten Regelbereich in der Verzerrung und die interessante und effektive Tonreglung sind sehr viele Sounds möglich, die ähnlich wie beim HM-2 in vielen Stilrichtungen bestehen können. Der HM-2 ist dabei immer etwas mehr der Schönfärber, während der Sonic Distortion eindeutig der flexiblere Verzerrer ist. Mit dem Volumenpoti der Gitarre kann man sehr gut den Zerrgrad bestimmen und er reagiert sehr dynamisch auf den Anschlag des Spielers.

Loco Box Mysto Dysto

Loco Box Mysto Dysto Distortion

Immer wenn ich ein Effekt von Loco Box anteste, bin ich besonders gespannt auf das Ergebnis. Denn sie können qualitativ locker mit denen von Ibanez oder Boss mithalten, sind dabei meist auch noch etwas anders ausgelegt und daher nicht so der übliche Effekt-Mainstream.
Dies trifft auch auf den Mysto Dysto zu, der endlich mal ein Distortion ist, den man ohne Modifikation auch mit Humbuckern nur sehr leicht verzerrt einstellen kann. Der Sound lässt sich am besten als "mellow" umschreiben. Die sehr effektive Tonblende lässt in einem weiten Bereich feine Abstimmungen zu. Hierbei ist zu beachten, dass mit steigender Verzerrungseinstellung auch der Höhenanteil stark zunimmt, so dass man den Tonregler zur entsprechenden Korrektur mit einbeziehen muss. Auf jeden Fall ist der Mysto Dysto eine interessante Variante zum Thema Distortion.

Marshall Guv´nor

Marshall Guv'nor

Der erste Marshall Guv'nor ist mein persönlicher Favorit unter den Distortion-Geräten. Getoppt wird er bei mir nur vom Okko Diablo Gain+. Für ein Distortionpedal ist der Guv'nor erstaunlich flexibel und reagiert bestens auf die Anschlagstärke bzw. auf das Volumenpoti. Mit der Dreiband-Klangreglung kann man eine Vielzahl an Sounds einstellen. Der Mitten- und der Höhenregler beeinflussen sich übrigens in guter alter Verstärkermanier gegenseitig. Zusammen mit dem Fender Bassman bekomme ich einen sehr überzeugenden vintagemäßigen Marshallsound hin. Als besonderes Feature hat der Guv'nor eine Loop, an die ein weiteres Effektgerät angeschlossen werden kann, welche aber nur zusammen mit dem Distortion aktiviert wird.

MEK Distortion DS-1

MEK Distortion DS-1

Der DS-1 hat einen absolut klassischen Distortionsound mit viel Charakter und Durchsetzungsvermögen. Das ist auch nicht verwunderlich, denn er basiert offensichtlich (auch optisch) auf dem MXR Distortion+. Singende Leadsounds sind seine Domäne! Nach einer kleinen Modifikation passt er nun auch zu meiner ES-335, denn anfänglich zerrte er mit Humbuckern etwas zu heftig. Das Pedal könnte ein bisschen mehr Output haben, aber er hat keine Verstärkungsstufe nach der Verzerrung. So ist der Pegel bei eingeschaltetem Gerät und wenig Verzerrung kaum höher einzustellen, als im Bypass. Bei höher eingestellter Verzerrung reicht die erzielbare Lautstärke jedoch vollkommen aus. Leider wird der DS-1 nicht mehr von MEK angeboten.

Voodoo Lab Bosstone

Voodoo Lab Bosstone

Dieses schon lange nicht mehr hergestellte Fuzz von Voodoo Lab fand ich mal wieder in der Grabbelkiste in perfektem Zustand. Als waschechte 1:1 Kopie des Jordan Bosstone, der allerdings als Effekt zum direkten Einstecken in die Gitarrenbuchse und nicht als Bodengerät gebaut wurde, hat der Bosstone einen exzellenten Fuzz-Sound. Rau und doch harmonisch würde ich ihn beschreiben. Es ist möglich, nur mit dem Volumenpoti der Gitarre von einem nahezu cleanen Sound zur dichten Distortion überzublenden. Die Lautstärkereserven sind enorm, so viel wird man in der Praxis nie benötigen. Und er verträgt sich mit Singlecoils und Humbuckern gleichermaßen - ok, mit Singlecoils einen Tick besser!
Der Bosstone ist eine gute Ergänzung zum Okko Diablo, da er eine ganz andere Art von Verzerrung erzeugt. Der Okko klingt immer sehr nach Ampverzerrung, was man von diesem Fuzz nun wirklich nicht sagen kann. Als weitere Soundfarbe gefällt er mir auf jeden Fall sehr gut.